Der berühmte Forstmann (Heinrich) Cotta stellte seinen Forststudenten anheim, in der Begegnung mit den ihnen anvertrauten Wäldern sich immer von Neuem 3 Fragen vor die Seele zu legen. Das Faszinierende dieser 3 Fragen liegt darin, dass wir als Mensch uns diese Fragen ebenso im ganz Persönlichen vorlegen können, womit wir in eine tiefere Stufe unseres personalen Seins vordringen können.
Hier ist die Gegenwärtigkeit, das stets sich wandelbare Aktuelle in der Bestandesentwicklung eines jeden Waldteiles gemeint.
Diese Frage schult unsere Beobachtungsgabe und wir lernen damit genauer hinzuschauen.
Als Erstes können sie mit Zettel und Stift zu Fuß mit einigen Geraden ihren Wald mehrmals durchqueren und die verschiedenen Baumarten in einer ungefähren Strichliste zu erfassen. Von der Systematik her bietet es sich an, das zu beschreibende Waldgebiet als Erstes zu umlaufen und Änderungen in der Waldstruktur mit einem farbigen Papierband am Baum zu kennzeichnen – danach durchqueren sie Ihr Gebiet in Form von Diagonalen.
Nun können sie als Zweites einen genaueren Blick auf die verschiedenen Schichtungen ihres Waldes werfen. Aus welchen Baumarten wird die oberste Kronenschicht gebildet? Besteht sie aus diversen Schattbaumarten, wie Rotbuche, Hainbuche, Fichte und Tanne? Oder wird sie aus Lichtbaumarten, wie Kiefer, Lärche, Birke oder Eiche gebildet? Falls Schattbaumarten vorherrschen, wird der Anteil der unter- und zwischenständigen Baumarten geringer ausfallen, weil der Grad der Dunkelheit wuchshemmend wirkt. Die durchlässigeren Kronen von Lichtbaumarten lassen so viel Licht zum Waldboden vordringen, dass die im halben Schatten wachsenden Rotbuchen, Hainbuchen und Linden sich gleich bemühen werden, eine Zwischenschicht aus Schattbaumarten unter die Lichtbäume einzuziehen.
Als Drittes können sie mit einem Zollstock oder einer Kluppe die ungefähren Dicken (Brusthöhendurchmesser ;BHD) in einem ungefähren Querschnitt erfassen. Es ist natürlich ein Unterschied, ob ihr Wald 10-20 cm dick ist, was einer Jungdurchforstung/Stangenholz entspricht, oder ob sie einen reifen Wald mit über 50 cm BHD vorfinden. Dabei können sie auch die räumliche Lage verschieden alter Waldteile in einer Farbskizze festhalten: Gelbe Schraffur (Alter Wald mit über 50cm BHD; rote Schraffur (Mittelalter Wald mit über 25cm BHD); blaue Schraffur (Jungwald mit 10-20cm BHD); grüne Shraffur (Initialwald mit 1-5cm BHD). Damit erhalten sie eine aussagekräftige Waldpflegekarte, an der sie die ungefähre Wiederkehr von Durchforstungsmaßnahmnen festmachen können.
Des Weiteren können sie als Viertes mit einer mathematischen Formel feststellen, wie gut ihr Wald durchforstet ist und wie stabil er gegen verschiedene Schadereignisse aufgestellt ist. Die Quadratwurzel aus der Höhe sollte den Abstand der vorherrschenden Bäume ergeben. Wenn ihr Wald beispielsweise um die 16 m Mittelhöhe hat, so hat er idealerweise 4 m Baumabstände (4x4=16) zwischen den herrschenden Bäumen im oberen Kronenraum. Wenn nun die Baumabstände hier um die 2 m betragen würden, so ist dieser Bestand schon vor längerem nicht mehr durchforstet worden und wird Jahr um Jahr instabiler gegen Sturm, Schneebruch und Insektenkalamitäten.
Als Fünftes können sie sich mit Zettel und Stift bewaffnen, um die Wege und Pfade dieses Waldstückes in einer ungefähren Skizze zu erfassen. Dies hat den Vorteil, dass sie darin verschiedene Besonderheiten, wie beispielsweise einen kleinen Weiher, in seiner räumlichen Lage zum Gesamtbestand gleich einzeichnen können. Oder einen Horstbaum oder einen besonders alten Baum aus der letzten Waldgeneration (Kennzeichen: meist tief herunter beastet mit alten abgestorbenen Ästen versehen) oder sogar eine Waldlichtung festhalten usw.
Des Weiteren können sie sich als Sechstes ein Bild über die Strauchschicht machen – aus wie vielen Arten besteht sie und welche Arten treten am Häufigsten auf?
Schließlich ist es als Siebentes noch interessant, wie die Krautschicht und Moosschicht ausgebildet ist. Heidelbeere und Besenheide zeigen beispielsweise auf, dass im Oberboden ein saueres Milieu vorherrscht, was z.B. auf eine vorherige Nadelholzgeneration oder in Dorfnähe auf Streunutzung (Gewinnung von Bodenstreu zum Einstreuen in den Viehställen) zurückzuführen sein könnte.
Summa Sumarum geht es in diesem ersten Schritt um eine aktuelle Bestandsaufnahme, damit sie sich ein möglichst objektives Bild über dieses Waldstück zu machen.
Dies betrifft die Vergangenheit eines einzelnen Waldbestandes – man sucht nach Indizien, die eine oder mehrere frühere Behandlungsweisen aufdecken kann.
Hier wird ihrer Beobachtungsgabe noch mehr abverlangt. Anhand von Indizien können sie hier in eine detektivische Arbeit eintauchen:
Nachdem sie das betreffende Waldstück bezüglich der Bearbeitung der vorigen Fragestellung (Gegenwartsaspekt) bereits mehrmals unter Einbeziehung verschiedener Blickwinkel durchquert haben, geht es nun darum, den erkennbaren Spuren bisherigen menschlichen Wirkens auf die Spur zu kommen (Vergangenheitsaspekt):
Wie viele Birken (Betula pendula), Aspen (Populus temula) und Weiden (Salix sp.) finden sie im Bestand? Dies legt Zeugnis davon ab, ob der aktuelle Bestand über eine Kahlfläche verjüngt wurde, oder ob er im halben Schatten des Vorbestandes erzogen wurde. Ein solcher Wald wäre viel langlebiger aufgestellt, als ein Freiflächenbestand, der sofort über das volle Licht verfügte.
Eventuell vorhandene Schlepperspuren legen Zeugnis ab von der Massivität der vergangenen Holzerntearbeiten. In solchen ehemaligen Schlepperspuren ist das Baumwachstum vermindert und durch Luftmangelzustände unterbrochen. Man rechnetgewöhnlich, dass ein winterlicher Frostvorgang etwa einen Zentimeter Hebung nach sich zieht – demnach braucht eine 20 cm tiefe Fahrspur etwa zwei Jahrzehnte, bis die Bodenverdichtung wiedert ausgeglichen ist. Auf der anderen Seite können wassergefüllte Fahrspuren für Gelbbauchunken wichtige Sekundärbiotope bilden, die zum Ablaichen dienen, was wiederum sehr wertvoll sei kann…
Dann könnten auch Befragungen von benachbarten älteren Waldbesitzern stattfinden. Sie kennen vielleicht noch den Vorbesitzer und haben mit ihm gemeinsame Erlebnisse zu Teilen gehabt. Dort können sie am Ehesten erfahren, vor wie vielen Jahren der letzte Holzeinschlag stattgefunden hat.
Generell kann angemerkt werden, dass Holzerntemaßnahmen der Motor der Waldpflege sind. Durch die Entnahme von Bäumen können sie Impulse zur weiteren Waldentwicklung in Richtung Zukünftigkeit geben.
Aus den Kräften der Vergangenheit und der Gegenwart erhalten wir Ideen, welche Behandlungsvarianten eine zukünftige Behandlungsoption oder sogar mehrere Optionen ermöglichen.
Nun gestalten Sie Ihren Wald in Richtung Zukunft.
Die Bearbeitung der dritten Fragestellung setzt ihrem Wald die Krone der Zukünftigkeit auf! Nun können sie, nachdem sie sich ein genaues Bild über Gegenwart und Vergangenheit gemacht haben, die Impulse erforschen, die der Zukunft angehören:
Rudolf Steiner spricht in seinem Vortrag „Das Wesen des Gebetes“ (GA 59) von zwei Strömungen, die in uns zusammentreffen. Einem Vergangenheitsstrom sowie einer Strömung, die aus der Zukunft auf uns einwirkt. Im Zusammentreffen entstehen spiralförmige Gebilde, die sich als Verwirrung in unserem Haupt anfühlen können – dies ist der kurze Moment der Gegenwärtigkeit… hier treffen wir Entscheidungen… Wenn sie in diese Strömungen hineindenken und sie meditieren, kommen neue Impulse auf sie zu, die sie vorher noch gar nicht denken konnten.